Der Strich

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Bernadette Werrelmann - "Der Strich"
Katerina Gregos - "The unfinished Revolution"
Angelika Richter - "Der hysterische Strich"
Ellen Blumenstein - "Erika Mustermann - Neue Feministische Positionen"

Mit einer Gruppenausstellung unter dem Titel HYSTERIA (Gebärmutter wandert im Körper der nicht ausreichend besamten Frau umher und beisst sich schließlich im Gehirn fest) hat der Strich im Oktober 2008 seinen Willen bekundet, geradeaus in die karriereschädliche Frauenecke zu gehen.

Schauplatz ist die Tegeler Straße 6 in 13353 Berlin-Wedding, Aufgang B, 3. Etage rechts. Draussen fahren Züge auf Augenhöhe vorbei wie an billigen Bahnhofhotels. An der nächsten Kreuzung ist ein echter, armer Straßenstrich. Als gebildete, weisse, privilegierte Frauen nennen wir die Situation im Kunstmarkt wie im Leben beim Namen - Der Strich.

Den Männern gefällt unser modernes Frauenbild. Neuerdings sind wir wieder gute Hausfrauen und Mütter. Aber auch schön und sexy dabei. Dafür scheuen wir keine Kosten und Mühen. Das notwendige Geld verdienen wir selbst. Erst hatten wir Schwierigkeiten, als überqualifizierte Frauen adäquate Männer zu finden. Heute finden uns die klugen, schönen, feinfühligen Männer gut.

Durch die Errungenschaften der Emanzipation ist das männliche Persönlichkeitskorsett weiter geworden. Die Schemen ihrer Lebensmodelle weitgefächerter, der Freiraum größer. Nach wie vor ist der öffentliche Raum mit weiblichen Attributen sexualisiert - das kapitalistische Ornament schlechthin. Wir sind Pro-Porno und strengen uns einfach mehr an, Heilige und Hure zugleich zu sein. Für uns Alpha-Frauen gibt es nur den Königsweg.

Unsere Vorgängergeneration hat sich nach der strengen Lehre dem Gebären verweigert und lebt teils sogar die lesbische Liebe. Diese Mann-Frauen sind für das Aussterben der Kinder in Deutschland verantwortlich. Kim Gordons Mutterschaft war ein Skandal. Jutta Koether interviewte sie zu diesem Verrat.

Heute wird Kinderkriegen sehr gefördert und begrüßt. Der Staat, die Medien und die Männer erbringen ein neues großes Engagement für den Nachwuchs. Wir Frauen mit Kinderwunsch verleugnen uns zunächst. Wenn es doch passiert, sind wir in einer Sonderrolle, die unser Frausein, eventuell plus Migrationshintergrund, eventuell plus Behinderung, steigert.

Wenn wir alt geworden sind und dann noch gut aussehen, posieren wir für eine Kampagne, dass Sexyness im Alter möglich ist. Sofern wir eine Karriere gemacht haben, fördern wir in künstlich konstruierten, aus öffentlicher oder privater Initiative gespeisten Programmen den weiblichen Nachwuchs. Unsere Lieblinge sind junge Männer, die wir informell hätscheln und bevorzugen. Als Bienenköniginnen schließen wir uns eher nicht zusammen.

Die Gruppenausstellung Hysteria war ein erster Versuch, eine gewisse Sisterhood zu praktizieren. Bei der Arbeit haben wir Erfahrung mit der Schere Theorie und Praxis gemacht. Wieso möchte eine eingeladene Künstlerin lieber nicht ihrer Karriere schaden durch Teilnahme an einem Frauenprojekt? Wieso verhalten wir beteiligten Frauen uns nicht uneingeschränkt liebenswert und solidarisch? Ist das biologisch, kulturell, politisch, sozial bedingt? Scheitern wir daran, dass wir das männliche Modell der Kameradschaft, erprobt in Krieg und Fußball, kopieren wollen? Aber doch Hennen sind? Zumal wenn Männer ins Spiel kommen? Wie kann eine Lösung aussehen?

Tatsächlich war Hysteria ein großer Erfolg. Wir haben sogar als Geschenk an die Gäste Stripperinnen eingeladen. Diese freuen sich sehr über die Aufnahme in den Kunstkontext. Sie treten uns vollkommen devot gegenüber, siezen uns, sind zu allem bereit, es uns recht zu machen. Am Ende kommt heraus, unsere Tänzerin hat in Weissrussland Kunstwissenschaften studiert. Wir haben sie als Objekt eingesetzt. Und wir selbst sind herausragende Vertreterinnen imaginierter Weiblichkeit.

Wir planen weitere Ausstellungen. Zunächst muss die Analyse des Status Quo tiefer und weiter geführt werden. Wieso gibt es die vielbesungene Frauen-Solidarität erstmal gar nicht? Und wenn nicht, was gibt es denn? Wie sehen zeitgenössische Positionen einer Jutta Koether, einer Rosemarie Trockel, einer Annie Sprinkle aus? Wie verhalten sich dazu Gruppen wie Kimberly Clark oder Häppi Töle? Wie sieht Katerina Gregos das? Wo stehen wir heute?

Anschließend wollen wir eine Perspektive eröffnen. Wie kann ein Feminismus 2.0 aussehen? Diederichsens Begriff des Eigenblutdopings trifft ziemlich genau, was wir hier tun - im Leben wie in der Kunst. Zumal sich da die Ränder auflösen. Ein Schwerpunkt liegt auch auf der Erkundung des Bösen. Wie funktioniert Muttersein heute wirklich? Wir wollen die Sisterhood erfinden und praktizieren. Dabei großzügig sein und vor Männern nicht halt machen. An denen wollen wir uns nicht mehr emanzipieren, sondern an uns selber. Welche Kunst kann hier gezeigt werden?

Bernadette Werrelmann